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Demokratie, im Durchschnitt richtig - 13. Februar 2018

Als ich mich in meiner Jugend über das eine oder andere Detail in Deutschland kritisch äußerte, bekam ich regelmäßig die konstruktive Antwort "Geh doch nach drüben!". Später fiel dann diese Alternative, die für mich nie sonderlich reizvoll war, durch Eingemeindung der DDR auch noch weg. Bis heute hält sich hartnäckig die Ansicht, dass das, was wir hier und heute unter Demokratie (oft in Tateinheit mit der freien Marktwirtschaft) verstehen, das bestmögliche System sei. Nun habe ich kein fertiges Konzept in der Schublade, wie das alles perfekt funktionieren könnte. Es wäre allerdings auch weitgehend wirkungslos, weil es bis zu einer möglichen Entscheidung so lange dem demokratischen Kompromisszwang ausgesetzt wäre, bis aus dem Sturm der notwendigen Veränderung inzwischen ein laues Lüftchen geworden wäre.

Diktaturen sind gefährlich, weil Macht den Menschen korrumpiert. Insofern ist der Wunsch, die Macht auf viele Schultern zu verteilen, verständlich und klug. Dummerweise bleibt nichts ohne Folgen: Während aus dem Diktator meist ein selbstherrlicher Despot wird, verlieren in der Demokratie die Einzelnen oft die Fähigkeit, selbst Verantwortung zu übernehmen. Vor lauter Angst, sich verantworten zu müssen, wird bis zur völligen Untätigkeit abgestimmt und selbständige Entscheidungen als "undemokratisch" gebrandmarkt. Unangenehme Entscheidungen werden ausgesessen, bis sich Probleme von selbst erledigen. Wer das für übertrieben hält, möge mal in aller Ruhe das Verhalten des eigenen Chefs beobachten...

Um die Problematik demokratischer Prozesse zu veranschaulichen: Zwei hinter einem Baumstamm versteckte Tier-Fotografen sind sich uneins darüber, ob links oder rechts am Baum vorbei das bessere Foto vom Hirsch geschossen werden könnte. Nach langer Diskussion entstehen unter dem Willen zum Kompromiss zwei Fotos von der Baumrinde. Das ist nicht weiter schlimm, denn während die beiden diskutiert haben, ist der Hirsch sowieso längst woanders. Beide Fotografen alleine hätten ein besseres Foto gemacht. Vielleicht hätten sogar beide parallel gute Fotos machen können, wenn sie sehr vorsichtig und leise aufeinander achtend den Hirsch nicht verscheucht hätten. Und später hätte man darüber entscheiden können, wessen Bild nun das bessere ist.

Politiker aller Couleur sind sich seit Jahrzehnten einig, dass eine große Steuerreform nötig wäre. Es gab auch diverse in sich schlüssige Konzepte, die aber nach langem Kompromiss-Ringen am Ende (wenn überhaupt) lediglich in verschlimmbessernde Paragraphen mündeten. Ja, es gehört Intelligenz, Empathie, Mut und Rückgrat dazu, auch mal einer anderen als der eigenen Meinung aus konstruktiven Gründen konsequent zuzuarbeiten. Aber genau diese Eigenschaften fordere ich von Chefs, Politikern und Freunden, sonst kann ich sie nicht wählen. Und nur solchen Menschen kann man sinnvollerweise gute Vorschläge machen.

Apropos Demokratie: Wieviele Schulen hätten wir besser ausstatten können mit dem Geld, das für den Druck und den Versand der Koalitionsverträge an 463.732 SPD-Mitglieder ausgegeben wird?



Gro-Ko - 9. Februar 2018

Nun haben sie sich also geeinigt. Nach vier Monaten heißer, naja lauwarmer Luft sind sie sich jetzt bei den wirklich wichtigen Themen (also der Posten-Verteilung) näher gekommen. Die Bewegungs-Lähmung, die inzwischen seit Jahrzehnten die Menschen von den Wahlkabinen fernhält oder ersatzweise zu merkwürdigen Partei-Simulationen treibt, soll also weitergehen. In Zeiten, in denen die größte politische Eruption das Gedankenspiel einer Bundes-Merkel in Jamaica darstellt, wünscht man sich den Einschlag eines Intelligenz-Asteroiden, begleitet von einem ausdauernden Rückgrat-Regen. Bevor nun wieder wie gewohnt jede gute Idee durch die Demokratie-Presse gedrückt wird, bis nur noch unbeweglicher Kompromiss-Matsch übrig ist, haben die SPD-Mitglieder nochmal die Chance, dem gewohnten politischen Tiefschlaf einen erweckenden Paukenschlag entgegen­zusetzen. Nicht dass sich dadurch wirklich etwas ändern würde, aber eine kleine renitente Kante im Windkanal-Dasein würde mir durchaus gefallen. Wie würdet Ihr eigentlich "Großes Kotzen" abkürzen?



Ich blogge, also bin ich - 20. Januar 2018

Einer konservativen oder gar reaktionären Haltung unverdächtig, habe ich mich trotzdem lange gegen Facebook gewehrt. Bis ich schließlich doch nachgegeben habe und mich inzwischen bisweilen bei dem Versuch erwische, andere Skeptiker vom Nutzen dieses Mediums zu überzeugen. Irgendwie fühle ich mich bei diesem Thema an einen Zettel an der Eingangstür des Kölner Mietshauses erinnert, in dem ich mal gewohnt habe: "Bei Nicht-Schließen der Tür bitte Tür schließen!" Was durchaus auch als dadaistischen Gedicht durchgehen würde, war sowohl ein Widerspruch in sich als auch eine nachvollziehbare Information. Seit Jahrzehnten halte ich die Fahne der Konsequenz hoch und erweise mich dann in solchen Themen als konsequent inkonsequent. Auch wenn ich (noch) nicht meine Toilettengänge dokumentiere und bisher mein Essen noch eher mit der Gabel als bei Facebook teile, arbeitet mein subversives Unterbewusstsein vielleicht schon an einem Drehbuch für ein Katzenvideo - süüüüüß...

Auf der Suche nach der eigenen Identität hatte ich in meiner Spätjugend zahlreiche philosophische und spirituelle Bücher verschlungen und mir als Lebensziel "Weisheit" verordnet. Ich sah mich wie Buddha selbst (figurtechnisch war das visionär) in völliger inneren Ruhe auf einem Felsen sitzen. Ich würde lächelnd schweigen und nur dann kluge Antworten geben, wenn mir von Ratsuchenden Fragen gestellt würden. Aber während die Weisheit ja schon per Definition nicht zu erreichen ist, erwies sich das Abwarten und lächelnd Schweigen für mich als ähnlich schwieriges Unterfangen. Niemand muss bei mir erstmal eine Frage stellen, um meine Meinung zu erfahren, dazu fehlt mir definitiv die buddhistische Gelassenheit. Folgerichtig ist mein Selbstbild vom Buddha zum Don Quichote mutiert. Ja, ich weiß, dass ich gegen Windmühlen kämpfe und nicht gewinnen kann - na und?!

Gefühlt taucht jedes Jahr ein neues Medium auf, das mir die Zeit stehlen will, weil gerade ich als Liedermacher mich ihm doch nicht verschließen kann. Ich twittere nicht (bis ich Präsident werde), ich bin nicht bei Instagram und Google+, und bisher habe ich auch nicht gebloggt. Tja, da war er wieder, der Bumerang hoch gehaltener Ideale. Wie ich prüfend in den Spiegel schaue, bevor ich aus dem Haus gehe, werde ich von nun an regelmäßig meine sprachlichen Ergüsse lesen (wenn es auch vielleicht sonst niemand tut) und notfalls noch eine Lip-Glosse auflegen...