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Tauschhandel - 14. Juni 2019

Im Zuge der Enttäuschung vom immer unmenschlicher empfundenen Kapitalismus hat sich eine Szene aus meist jüngeren Menschen entwickelt, die Waren und Dienstleistungen lieber miteinander tauschen als sie auf dem sogenannten Markt mittels Geld zu kaufen oder verkaufen. So fallen z.B. die aus gutem Grund bereits in der Bibel und im Koran verbotenen Zinsen weg, die in unserem System die Reichen erwartungsgemäß immer noch reicher machen. Noch im Jahr 1187 schrieb die katholische Kirche: "Wucher ist all das, was bei einem Leihgeschäft über die Leihgabe selbst hinaus zurückverlangt wird." Später hat es sich die Kirche dann aus naheliegenden Gründen anders überlegt und betreibt ja bis heute z.B. die Vatikanbank.

Tausch ist die älteste Handelsform und hat lange gut funktioniert. Ziege gegen Brot war prima, hatte allerdings den Nachteil, dass die ersehnte Ware nicht unbedingt bei dem zu bekommen war, der das haben will, was ich gerade anbieten kann. Der Bäcker, der zwar im Überfluss Brot hatte und nun gerne Butter auf sein Brot schmieren wollte, kam mit seiner neu erworbenen Ziege nicht wirklich weiter. Also musste er nun jemanden finden, der Butter anzubieten hatte. Und der wiederum hatte möglicherweise kein Interesse an Ziegen. Deshalb musste nun jemand her, der etwas für die Ziegen geben würde, das der Butter-Anbieter gerne haben möchte - ein bisweilen langwieriges Geschäft, durch das die Ziege ganz schön rumkam.

Im 15. Jahrhundert hat sich dann das Geld als Tauschmittel durchgesetzt. Nun konnte der Bäcker das Geld, das er für sein abgegebenens Brot bekam, auch nicht aufs Brot schmieren, aber er konnte damit direkt die Butter kaufen, anstatt erst noch diverse Tauschgeschäfte tätigen zu müssen. Eigentlich ganz praktisch, wenn sich dadurch nicht nach und nach eine Gier nach dem eigentlich wertlosen Tauschmittel entwickelt hätte, das sich dann dank der inzwischen erfundenen Zinsen auch noch selbst vermehrte. Je mehr die Religionen an Bedeutung verloren, desto mehr wurde und wird der Mammon verehrt. Die dem heiligen Geld gewidmeten Tempel (Banken, Börsen etc.) lassen schon rein äußerlich die Kirchen ziemlich alt aussehen.

Inzwischen ist es wohl unstrittig, dass wenige Reiche immer reicher werden, während die große Mehrheit nur geringe Chancen hat, in diesem Sinne irgendwann aufzusteigen. Trotzdem werden Kapitalismus-Kritiker von Menschen, die lieber ihr Geld für sich arbeiten lassen, als das selbst zu tun, immer noch als naiv gebrandmarkt. Das Schöne ist nun, dass diese Naivität der Jugend eben zusteht und sich so vielleicht doch langsam etwas verändern kann. Dass junge Menschen wieder politischer werden und nicht mehr die Mantren der freien Marktwirtschaft ungeprüft übernehmen, macht jedenfalls Hoffnung.

Tauschhandel funktioniert, auch wenn er manchmal lange dauert. Um mich damals auf die Aufnahmeprüfung für die Musikhochschule vorzubereiten, habe ich viele Monate lang kostenlos Gesangsunterricht bekommen, ohne dass ich ein nützliches Tauschobjekt zu bieten hatte. Anders hätte ich nicht studieren können. In den letzten 16 Jahren meiner Selbständigkeit als Gesangslehrer habe ich meinerseits immer wieder Schüler kostenlos unterrichtet, für die es sonst nicht möglich gewesen wäre. Auf diese Weise habe ich die offene Rechnung von damals doch noch beglichen. Und naiv, wie ich aus Überzeugung bin, glaube ich, dass meine ehemaligen Schützlinge das irgendwann ihrerseits weitergeben werden.

In diesem Sinne habe ich einen Vorschlag: Schenkt Eurem Gegenüber ein ehrliches Lächeln, auch wenn Ihr dafür erstmal nur ein dummes Gesicht bekommt. Nach diversen Tauschgeschäften (Warum sollte ein Lächeln weniger weit reisen dürfen als eine Ziege?) kommt es wahrscheinlich irgendwann plötzlich und unerwartet zu Euch zurück. So können wir dem unmenschlichen Geld-Kreislauf einen menschlichen Kreislauf des Lächelns entgegen setzen... 😊



Junges Gemüse - 5. Mai 2019

Da mein aktueller Wohnort Schwetzingen seine Bekanntheit neben den Schwetzinger Festspielen (Ja, Mozart war mal für ein paar Stunden hier...) vor allem dem Spargel verdankt, huldigen die Einwohner diesem königlichen Gemüse einmal jährlich in Form eines speziellen Festes. Anlässlich dieser in diesem Jahr witterungsbedingt spärlich besuchten Veranstaltung landete ich schließlich mit Frau und Kind zum Abendessen in einem thailändischen Restaurant. Unter einer mächtigen Kassettendecke gallopierte also meine Phantasie dahin...

"Die ganze Welt ist wie verhext. Veronika, der Spargel wächst!" Dieser gemüsigen Zweideutigkeit leistete das Stadtmarketing Schwetzingen vor einigen Jahren noch Vorschub durch Plakate mit ausgeprägtem Kussmund auf Stangenspargel. Vielleicht liegt es allein an meiner besonderen und in diesem Fall thematisch gelenkten Phantasie (Man sehe sich nur die ganzen Wassertürme hier in der Gegend an!), dass mir bei der Kombination von Spargel, teutonischer Deckengestaltung und Thailand die inzwischen 21 Jahre alte Tatortfolge "Tatort Manila" einfiel, in der das Kölner Ermittlerduo mit jenem speziellen Tourismuskonzept konfrontiert wurde.

Soll noch einer sagen, meine lebendige Phanasie sei ein Segen. Das Essen hat aber trotzdem geschmeckt.



Zivilisationskrank - 17. März 2019

Immer wieder lese ich von Zivilisationskrankheiten, wobei jeweils gerne ein "Nummer eins" dahinter gesetzt wird. Zunächst denke ich dann oft, dass es ja wohl nichts Neues ist, dass unsere Zivilisation krank ist. Unser Umgang mit Tieren, Menschen und Umwelt ist definitiv pathologisch. Aber meine Erst-Reaktion ist meist ein Missverständnis des Begriffs.

Gemeint sind Krankheiten, die entstehen, weil unsere Lebensumstände (noch) nicht unserer Natur entsprechen. Da die Evolution nicht schnell genug nachkommt, gibt es Krankheiten wie Maus-Arm, SMS-Daumen, Smartphone-Nacken, aber auch diverse Allergien, Diabetes, Übergewicht, Burnout und chronische Rückenschmerzen. Aufmerksame Beobachter könnten auf die Idee kommen, dass die Zivilisationskrankheit Nummer eins die allgemeine Verblödung ist. Die Tüte Chips während der Abnehm-Show ist jedenfalls ebensowenig ein Intelligenz-Beweis wie die Whatsapp-Nachricht während der Autofahrt oder die karrieregeile 80-Stunden-Woche. Je nach persönlicher Bewertung könnte man den Menschen auch für intelligent halten, weil er/sie sich systematisch selbst zerstört - welche Einsicht! Andererseits könnte man auch die Evolution selbst für ziemlich gaga halten, weil sich erfahrungsgemäß die Blöden, Gierigen und Aggressiven durchsetzen. Wenn dahinter ein göttlicher Plan steckt, dann muss ich ihm einen merkwürdigen Humor attestieren.

Seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts gibt es den Begriff der Psychosomatik. Wir wissen also schon ziemlich lange, dass viele körperliche Krankheiten eine seelische Komponente haben. Oft könnten wir schon früh auf seelische Probleme reagieren, verdrängen sie aber lieber. Deshalb werden wir dann körperlich krank. (Sagt die Seele zum Körper: "Geh Du voran, auf mich hört er nicht.") Der moderne Mensch sucht aber hinter materiellen Problemen auch materielle Ursachen. Natürlich wären Menschen mit weniger Fast Food auch weniger fett, hätten mit mehr Bewegung weniger Rückenschmerzen und hätten bei weniger Handy-Konsum auch keinen Smartphone-Nacken. Aber die spannendere Frage wäre doch, warum sich Menschen einreden, dass ihnen dieser Ernährungs-Müll schmeckt. Warum sie sich vor Bewegung drücken. Und warum sie vom Smartphone nicht mehr weg kommen. Oder auch, warum ich einen Blogartikel schreibe, anstatt in der Zeit z.B. Liegestützen und Situps zu machen.

Wenn sich nicht nur der einzelne Mensch der Frage verweigert, was hinter seiner/ihrer Zivilisationskrankheit steht, sondern diese Verdrängung breite Teile der Bevölkerung betrifft, dann ist eben doch die Zivilisation krank - sag ich doch!



Was soll das? - 12. Februar 2019

Was sich Herbert Grönemeyer schon 1988 recht erfolgreich gefragt hat, drängt sich auch mir regelmäßig in dieser Jahreszeit auf: WAS SOLL DAS? Vielleicht liegt es am Lichtmangel und dem dazugehörigen Dauergrau, vielleicht sind es die vielen ebenfalls eher griesgrämigen Menschen, vielleicht auch einfach nur der Mangel an stimmungsaufhellenden Miniröcken. Aber ungefähr im Februar melden sich bei mir jedes Jahr die Sinnfragen: Warum gebe ich mir so viel Mühe, gute Liedtexte zu schreiben, wenn die meisten Zuhörer doch offensichtlich mit dem Einheits-Radio-Brei voll und ganz zufrieden sind? Warum schleppe ich Licht- und Tonanlagen durch die Gegend mit dem Preis sonntäglicher Rückenschmerzen, wenn ich doch stattdessen altersgemäß im warmen Wasser einer Therme schweben könnte? Warum schreibe ich Blog-Artikel, die nur eine Handvoll Menschen lesen? Und so weiter...

Die Antwort ist schlicht: Ich habe keine Ahnung! Aber mir fällt dazu immer ein Witz ein: "Mama, wann kommt denn nun endlich Amerika?" "Sei still und schwimm weiter!" Die Wahrscheinlichkeit, dass wir schwimmend Amerika erreichen (was auch immer wir dort auch wollen sollten, aber das ist eine andere Geschichte), ist eher gering. Die Angst davor, dass uns irgendwann die Kraft ausgeht und wir jämmerlich im Ozean der Dummheit ertrinken, ist absolut berechtigt. Vielleicht schaffen wir es zu einer Insel, wo wir Einheimischen ulkige Namen geben und ihnen das Lesen beibringen können (So liest einer mehr meine Blog-Artikel.). Vielleicht werden wir auch von einem Schiff gerettet, das uns wahlweise nicht an Land bringen darf, weil irgendwelche Menschen Angst um ihren Zweit-Geländewagen haben, oder auf dem die Oberflächlichkeit derart zelebriert wird, dass wir ständig erwägen, lieber wieder über Bord zu springen. Aber wahrscheinlich schwimmen wir einfach immer weiter, weil die im Moment verfügbare Alternative noch blöder wäre.

Im Jetzt und Hier ist die sinnlose Sinnfrage dran (und dieser Blog-Artikel), alles andere entscheide ich im Dann und Dort.



Gute Vorsätze - 31. Dezember 2018

Immer wenn ein Jahr zuende geht, liegt es nahe, sich zur besseren Gestaltung des neuen Jahres etwas vorzunehmen. Man fasst gute Vorsätze. Wobei sich ja schon die Frage stellt, was an einem Vorsatz, der mit Qual verbunden ist, denn gut sein soll (oder ist das wieder so ein SM-Ding?). Vielleicht sollten wir lieber von üblen Vorsätzen mit erwünschten Folgen sprechen. Aber so oder so: Wenn der Vorsatz so gut ist, warum brauchen wir dann ein neues Jahr dafür?

Im Strafrecht spricht man vom Vorsatz, wenn willentlich gehandelt wird, obwohl die Umstände bekannt sind. Angesichts der Tatsache, dass die wenigsten Vorsätze eine längerfristige Umsetzung erfahren, muss man wohl mutmaßen, dass die Umstände eher nicht bekannt waren. Die Selbsterkenntnis der eigenen Faulheit ist eine deprimierende Ausnahme und fällt ausschließlich in die Zeit zwischen der Aufgabe des Vorsatzes und dem nächsten Jahresende. Wenn also die Umstände (mal wieder) nicht bekannt waren, handelt es sich auch nicht um Vorsatz. Und das ist auch recht praktisch, denn der Vorsatz wäre ja strafbar. Insofern handelt es sich bei unseren Neujahrs-Visionen juristisch eher um gute Fahrlässigkeiten, bei glaubhaft versicherter Selbstschutz-Amnesie wohl sogar um leichte Fahrlässigkeiten. Da sind wir also fein raus, denn selbst der dümmste gute Vorsatz ist damit straffrei - wie die Blödheit eigentlich immer.

Andererseits deutet der Umgang mit diesen Vorsätzen auf eine multiple Persönlichkeitsstörung hin: Im alten Jahr fasst das eine Ich einen guten Vorsatz, und das bekommt dann das andere Ich im neuen Jahr vorgesetzt. Und zwar gegen seinen Willen, denn wer außer den Berliner Philharmonikern wählt selbst den Vorgesetzten aus? Im Laufe eines Jahres kommen da so einige Ichs zusammen: Dem zuversichtlichen Ich folgt ein überfordertes Ich; dann kommt das enttäuschte Ich (wer auch immer es getäuscht hatte), um dann beizeiten wieder dem verzweifelten Ich die Konstruktion von Visionen zu überlassen. So geht das zuverlässig wie die Jahreszeiten, bis dem Schicksal irgendwann die Geduld ausgeht. Wobei ja auch die Jahreszeiten nicht mehr das sind, was sie mal waren.

Für das neue Jahr nehme ich mir also vor, in meiner Unzulänglichkeit und der ständigen Arbeit an mir selbst der zu bleiben, der ich bin. Ich möchte auch weiterhin nicht ankommen, ich bin längst auf einem Weg angekommen, den ich weiter gehen möchte.

Aber für meine Bohrmaschine habe ich einige ziemlich gute Vorsätze...



Meinungs-Bäcker - 5. Oktober 2018

Zu den befriedigensten Tätigkeiten in den eigenen vier Wänden zählt das Brot-Backen. Obwohl die Herstellung den Hobby-Bäcker durchaus wertvolle Zeit kostet und der Gang zum Supermarkt schneller und unter dem Strich meist auch preiswerter zu bewerkstelligen wäre, knetet unser Protagonist seine durch zahlreiche Rezepte und Fehlversuche gefundenen Zutaten mühsam von Hand. Und der aus dem heißen Ofen kommende Laib wird dann gerne liebevoll gestreichelt, während das ganze Haus von dem archaischen Duft frisch gebackenen Brotes durchzogen wird. Damit haben auch jene Hausbewohner etwas davon, die sich nicht selbst eine Scheibe davon abschneiden können oder wollen. Und auch wenn Brot nur von Wenigen und das auch nur ab und zu selbst gebacken wird, besteht wohl breite Einigkeit darüber, dass es eine ursprüngliche, wertvolle und sehr befriedigende Tätigkeit ist.

Weniger Einigkeit besteht offensichtlich darüber, dass auch die Herstellung einer eigenen Meinung eine ursprüngliche, wertvolle und befriedigende Angelegenheit darstellt. Im Vorbeihuschen wird im Supermarkt Internet noch schnell ein Meinungs-Brot aus dem gut sortierten Regal gezogen und während anderer Tätigkeiten nebenbei verschlungen und der Verdauung preisgegeben. Nicht selten sind dann konsequent ignorierte Unverträglichkeiten die Folge. Dass Dünnschiss schon vor der Verdauung welcher war, wird leider oft übersehen. Natürlich kann man sich nicht jederzeit und zu allem eine eigene Meinung backen, deshalb ist der Gang zu einem Meinungs-Bäckerei-Fachbetrieb wie ARD und ZDF manchmal nötig, aber das ist ja immer noch besser als die industriell gefertigte Meinung aus dem Internet-Regal. Und wenn die Zeit für das Mahlen des Mehls etc. fehlt, bleibt ja noch die Möglichkeit, die eigene Haltung auf der Grundlage einer öffentlich-rechtlichen Meinungs-Backmischung mit Hilfe einiger selbst gewählter Zutaten zu verfeinern. Was dann später in der Backofen-Hitze zahlreicher Diskussionen mit Andersdenkenden entsteht, ist sowohl gesund als auch nachhaltig und durchzieht die Welt ausgesprochen angenehm mit dem Duft von Klugheit. Vielleicht schneidet sich ja der Eine oder die Andere eine Scheibe ab...



Buchstabensparkasse - 10. August 2018

Vielleicht ist es nur eine Begleiterscheinung meines fortgeschrittenen Alters, vielleicht bin ich auch einfach manchmal überfordert, jedenfalls fällt mir auf, dass ich bei meinen Emails, WhatsApp-Nachrichten, SMS etc. zunehmend Buchstaben vergesse. Wenn ich dann die jeweilige Nachricht nochmal lese, fällt es mir (leider erst nach dem Senden) auf, und dann liefere ich die fehlenden Buchstaben nach. Das führt manchmal zu mehr Verwirrung als der vorherige Mangel, aber als anerkannter Sprachpedant kann ich leider nicht anders.

Weil mein Hirn ganz gerne auf Nebengleisen unterwegs ist, frage ich mich, was denn mit den einzeln nachgelieferten Lettern außer der eigentlich notwendigen Korrektur noch so anzufangen wäre. Spontan fällt mir ein Online-Scrabble ein, wobei sich angesichts der Tatsache, dass ich sehr viel mehr Konsonanten als Vokale vergesse, das Spiel dann wohl in tschechisch anbieten würde. Oder man könnte namenstechnisch diverse Parteigründungen vorbereiten und so die frei flottierenden Buchstaben in Dreiergruppen mehr oder weniger sinnstiftend wiederverwerten. Möglicherweise hätte auch Dieter Bohlen Verwendung dafür, um neue Verblödungs-Shows zu benennen. In alten Krimis werden oft Erpresserbriefe aus einzeln ausgeschnittenen Buchstaben zusammengesetzt. Das wäre auch in meinem Fall im Prinzip eine ausgezeichnete Idee, wenn denn das Vollwaisenletterdasein online überhaupt zu erkennen wäre. Sonst weiß ja niemand den kreativen Akt meiner anonymen Forderung angemessen zu würdigen. Überhaupt: Was sollte ich denn fordern? Ginseng-Wurzeln, damit ich künftig weniger kryptisch schreibe? Oder Geld, um damit einen Ghostwriter zu bezahlen? Aber die Texte eines Geisterschreibers kämen Euch dann womöglich auf der falschen Internet-Seite entgegen.

Draußen ist es zur Zeit sehr heiß (das erklärt manches...), das legt auch den Gedanken nahe, meine für die Empfänger meist überflüssigen Buchstaben-Nachlieferungen einfach ins Sommerloch zu werfen. Aber vielleicht wäre das dann eher ein Zwischen- als ein Endlager und würde deswegen wütende Proteste nach sich ziehen. Und die Folge wären dann teure Schriftzeichentransporte in Länder, die zwar auch kein besseres Endlager haben, aber eben mit ihren Buchstaben weniger zimperlich umgehen. Und in ferner Zukunft gibt es dann die literarische Katastrophe. Am Anfang war nämlich nicht das Wort, sondern der Buchstabe.

Inzwischen habe ich mich entschieden, eine Bank zu gründen, wo Ihr alle Eure im Moment noch nicht gebrauchten Zeichen für die spätere Verwendung anlegen könnt (Gebt mir ein Zeichen!). Je nach Wirtschaftslage bekommt Ihr später noch das eine oder andere Komma oder Fragezeichen zusätzlich zurück.

Vielleicht schreibe ich demnächst mal einen Artikel über das Themen-Surfen...



Zum Glück zwingen
(oder 50 shades bei 38 Grad)
- 1. August 2018

Es gibt eine Menge Dinge, die uns gut tun und an die wir gerne denken. Und die wir trotzdem nicht tun. Warum braucht es eigentlich so eine große Überwindung, um mal wieder ausschließlich (und nicht nebenbei) Musik zu hören? Oder ein gutes Buch zu lesen, Sport zu machen, wandern zu gehen oder mal ein paar Tage alleine (nicht zu Freunden, nein, so richtig allein) Urlaub zu machen?

Na klar, es gibt natürlich auch Dinge, die uns nicht schwer fallen und uns trotzdem gut tun. Die abendliche kühle Dusche nach einem heißen Sommertag kostet weniger Überwindung. Vermutlich weil die Belohnung unmittelbarer ist. Der Gedanke "Dann werde ich morgen besser geschlafen haben" ist sicher weniger Ansporn als das unmittelbare "Ahhhhhhhhh!".

Dummerweise wollen wir immer mal wieder Dinge tun (also eigentlich getan haben), für die wir eine gewisse Überwindung brauchen. Wir müssten Zeit, Energie, Grips aufwenden und verschieben es lieber, bis wir irgendwann dafür bereit sind. Das ist dann entweder nie oder eben erst dann, wenn die Überwindung weniger schlimm ist als das Aufschieben. Druck hilft! Wie so viele Begriffe (Disziplin, Stolz, Ehre...) ist auch "Druck" in Verruf geraten. Man dürfe niemandem Druck machen, weil das sonst die freie Entfaltung verhindert. MUMPITZ! Ohne Druck entfalten sich die meisten Menschen höchstens auf dem Sofa. Leistung erfordert ein gewisses Maß an Druck, den man sich idealerweise selbst macht (ohje, jetzt sind wir auch noch bei Selbst-"Disziplin"). Oder der von außen z.B. durch begrenzte Zeit vorgegeben wird. Ich jedenfalls habe auf keine Prüfung jemals frühzeitig gelernt. Und ich denke, damit befinde ich mich in guter, oder sagen wir riesiger Gesellschaft.

Nun habe ich mir mal wieder vorgenommen, ein neues Bühnenprogramm zu schreiben. Und ich schreibe durchaus gerne, aber idealerweise werde ich dafür in aller Ruhe und regelmäßig von der Muse geküsst. Allerdings ist diese Muse relativ asketisch und zur Zeit auch noch hitzebedingt träge. Also habe ich mir kurzerhand Druck erschaffen und einen Premierentermin ausgerufen: Am 7. Dezember 2018 spiele ich diverse neue Lieder, die ich irgendwann noch schreiben werde. Nicht dass ich mich nicht zigmal selbst verfluchen werde, bis es schließlich soweit ist, aber auf jeden Fall werde ich bis dahin sicher sehr viel mehr geschrieben haben, als ich das ohne Druck schaffen würde. Und nach meiner Erfahrung sind Lieder, die unter Druck geschrieben wurden, auch nicht schlechter als jene, für die die Muse leidenschaftlich geknutscht hat.

Also denn, ich weiß, was ich zu tun habe: Die Pflanzen gießen, die Wäsche waschen, endlich mal aufräumen... Ach ja: Und einen Blog-Artikel schreiben...



Spahn-Ferkel - 10. April 2018

Dass Politiker Unsinn erzählen, ist längst an der Tagesordnung und kaum dazu angetan, unser Misstrauen in diese Gattung Mensch zu verringern. Das ist auch nicht neu, schon George Bernhard Shaw nannte die Politik ein Paradies zungenfertiger Schwätzer.

Allerdings gibt es dann doch einen Unterschied, ob das Hirn, dem der jeweilige Unsinn entsprungen ist, grundsätzlich eine zu mehr nicht taugliche Hardware darstellt, oder ob ein im Prinzip der Intelligenz verdächtiger Mensch jegliches Einfühlungsvermögen missachtet und verbale Brandbomben wirft. Insofern gibt es eben auch einen Unterschied zwischen der Aussage, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört, weil Deutschland vom Christentum geprägt sei (Die Moschee hier im Schwetzinger Schlosspark z.B. wurde rund hundert Jahre vor dem Beitritts Bayern zu Deutschland gebaut.) und andererseits der Behauptung, Hartz-IV-Empfänger seien nicht arm. Die erste Aussage ist dumm, die zweite "nur" falsch und unanständig.

Und Menschen, die Unanständiges von sich geben, werden schon mal als Ferkel bezeichnet, daher der Blog-Titel. Folgerichtig will die breite Masse und deren Sprachrohr-Medien dieses Ferkel nun aufspießen und grillen. Und wenn der Scheiterhaufen erstmal errichtet ist, soll die Hexe, äh das Ferkel, auch gegrillt werden. Da kann das Ferkel dann grunzen, was es will, es hat ausgegrunzt. Da regt sich doch das lynchwillige braune Pack tatsächlich darüber auf, dass der kommende Spießbraten uralte rechte Forderungen nach Recht und Ordnung erhebt. Da muss ich leider sagen, dass das Ferkel im Vergleich zu den Sau-dummen Mitläufern noch das kleinere Übel ist.

Was soll's, Maiskolben sind mir sowieso lieber...



"Ist das Kunst oder kann das weg?"
Beides! ...oder auch
"Fifty shades of Stockhausen"
- 8. April 2018

Heute Morgen wurde ich via Facebook mal wieder indirekt dazu aufgefordert, offener für die "klassische" Musik der letzten 70 Jahre zu sein. Ich habe ja selbst klassischen Gesang an einer Musikhochschule studiert und mich jahrelang mit der dort so genannten modernen Musik beschäftigt. Ich sage das, weil ich mich der Ignoranz und Dummheit unverdächtig machen möchte, die den Feinden der Neutöner von der Avantgarde-Polizei gerne unterstellt wird. Ich bin ein neugieriger Mensch und suche ständig nach spannenden Entwicklungen in jeder Art der Kunst. Dafür habe ich mir schon so manchen Dokumenta-Besuch und manches Festival der neuen Musik angetan und habe mich meist belästigen aber manchmal auch höchst angenehm überraschen und inspirieren lassen.

Der im Zusammenhang mit der Entsorgung eines Werks von Joseph Beuys durch eine Putzfrau "Ist das Kunst oder kann das weg?" überlieferte Satz ist für mich ganz oft mit einem klaren "Beides!" zu beantworten. Gerade die Kunst der letzten 70 Jahre (in Musik, Literatur, bildender und darstellender Kunst) ist häufig "Konzeptkunst", bei der die Idee und das Konzept sehr viel bedeutender sind als das Werk selbst. Ich habe schon mit viel Respekt und manchmal auch Freude Partituren von Karlheinz Stockhausen gelesen, aber hören will das eigentlich niemand, von ein paar Akustik-Masochisten abgesehen (quasi "Fifty shades of Stockhausen").

Und dann gibt es da noch jene Wichtigtuer und Bildungs-Simulanten, die in ihren schwarzen Klamotten und ihren Architektenbrillen von Donaueschingen bis Kassel jedes Festival der Unverständlichkeit besuchen, um ihre avantgardistische Haltung und ihr Kunstverständnis öffentlich zu behaupten. Dabei braucht gerade die Moderne (die nur so heißt, aber niemals modern war und es auch niemals werden wird) wegen der Abkehr von den bestehenden Regeln kaum klassisches Kunstverständnis, ein paar nachzuplappernde Zeilen aus dem FAZ-Feulleton reichen völlig aus.

Gerade wir hier in Deutschland mit unserer unseligen Trennung von ernster und unterhaltender Musik sollten uns mal ein paar Gedanken darüber machen, ob spannende und nachhaltige Impulse nicht schon immer auch aus der unterhaltenden Musik kamen. Analog zum Verdi-versierten Pizzabäcker habe ich noch keinen Schnitzel-Koch Wagner-Arien trällern hören. Ja, auch ich würde mir von den Menschen viel mehr Offenheit und Neugier wünschen (SWR1 beweist genauso das Gegenteil wie Klassik-Radio), aber erstens ist das kein neues Phänomen (Goethe lässt sich in seinem Faust im "Vorspiel auf dem Theater" z.B. auch schon darüber aus.), und zweitens trägt die unglaublich bornierte Kunstwelt in erheblichem Maße dazu bei.

Ein Musik- oder Deutschlehrer, der sich z.B. dem Hip Hop verweigert, gehört mit Schimpf und Schande aus der Schule gejagt. Und Komponisten, die nur ihren Intellekt, nicht aber ihre Seele in ihre Stücke einfließen lassen, haben vielleicht Wikipedia-Einträge verdient, nicht aber, dass sie mit ihren Werken das friedlich schlafende Haydn-Mozart-Beethoven-Abonnement-Publikum aufwecken dürfen. Aufwecken wäre ja prima! Aufwecken, neugierig machen! Überzeugen, dass es sich lohnt, die Musik aus dem verstaubten Dachstübchen zu holen! Aber Kunst jeglicher Art, ob neu oder alt, die Menschen nur langweilt, darf gerne vergessen werden.

Der Autor jenes Artikels (der Dirigent Baldur Brönnimann), der mich provoziert hat, diesen Text zu schreiben, meinte noch, die bildende Kunst hätte es leichter als die Musik (auch so ein Phänomen: ICH habs immer am schwersten...), weil in den Museen die aktuelleren Werke besser eingebunden werden. Tatsächlich ist es aber so, dass der Uninteressierte diesen Werken im Museum einfach ausweichen kann. Er besucht die Ausstellung nicht oder schaut Bilder, die ihm nicht gefallen, einfach nicht an. In der üblichen Konzertpraxis aber werden Stücke angeblich zeitgenössischer und inzwischen längst überholter Komponisten meist zwischen zwei etablierte Stücke platziert, damit das Publikum nicht fliehen kann. Diese Praxis ist meiner Meinung nach nur begrüßenswert, wenn das zeitgenössische Stück das Potenzial hat, das Publikum trotzdem abzuholen, es zu begeistern und neugierig zu machen auf weitere Stücke dieser Art. Bönnimann schlägt übrigens durchaus geeignete Werke vor, wird aber von den Veranstaltern eingebremst.

Inzwischen gibt es viele junge Komponisten, die wieder Wert auf Harmonie und Melodie legen, die also hörenswert wären und sehr zu empfehlen sind. Aber nach den zahlreichen Erfahrungen des Abonnementpublikums mit den Kompositions-Sadisten und -Onanisten lehnen sie inzwischen alle Komponisten ab, die noch keine hundert Jahre tot sind. Das ist schade, aber verständlich. Das können die Programmgestalter ändern, indem sie endlich die Stockhausens & Co. aus den Spielplänen verbannen und langsam wieder Vertrauen bei den Hörern aufbauen. Das Publikum ist bequem, aber nicht dumm. Fordert die Menschen, aber quält sie nicht! Der Kunst-Müll kann weg, und die Masochisten werden trotzdem ihre Folterkeller finden und sich weiterhin ihren Stockhausen-Peitschen aussetzen...



Tik - Tak - Tik - Taktik - 4. März 2018

Nun hat sich die Mehrheit der SPD-Mitglieder also für den Eintritt in eine neue große Koalition entschieden. Eine taktische Entscheidung aus Angst vor dem Abschneiden bei einer Neuwahl. Eine Entscheidung für die sofortige Beteiligung an der Macht-Simulation und gegen die von vielen erhoffte Erneuerung der ehemaligen Volkspartei und ganz allgemein der politischen Landschaft. Ich hatte ja auf einen Weckruf gehofft, aber der deutsche Michel ist eben kein Engländer oder Amerikaner. Abgesehen von der Wiedervereinigung, die es ohne das verlockende Konsumangebot im Westen möglicherweise so nicht gegeben hätte, ist die deutsche Geschichte vergleichsweise arm an Revolutionen.

Die Posten sind schon lange verteilt, dem kleinen Herrn Kühnert wird von den Abstimmungs-Siegern eine große Zukunft prophezeit - ein tröstendes Lob, dessen Verlogenheit bei mir Würgereiz auslöst. Dann also weiter so! Das Scheinargument aller Lemminge "Das haben wir schon immer so gemacht." schlägt also mal wieder zu. Ich würde ja auf eine starke Opposition hoffen, wenn die nicht von einer braunen Comedy-Truppe angeführt würde.

Ja, möglicherweise hat sich die SPD durch ihre Entscheidung ein paar Prozentpunkte für weitere 3,5 Jahre gesichert. Ich fürchte nur, dass die fortgesetzte Mutlosigkeit der Regierungsparteien noch wesentlich mehr Menschen nach einer Alternative für Deutschland suchen lässt. Und ich weigere mich zu sagen, dass ich das verstehen kann.

Eine Zeitbombe. Tik, tak, tik, tak.....



Demokratie, im Durchschnitt richtig - 13. Februar 2018

Als ich mich in meiner Jugend über das eine oder andere Detail in Deutschland kritisch äußerte, bekam ich regelmäßig die konstruktive Antwort "Geh doch nach drüben!". Später fiel dann diese Alternative, die für mich nie sonderlich reizvoll war, durch Eingemeindung der DDR auch noch weg. Bis heute hält sich hartnäckig die Ansicht, dass das, was wir hier und heute unter Demokratie (oft in Tateinheit mit der freien Marktwirtschaft) verstehen, das bestmögliche System sei. Nun habe ich kein fertiges Konzept in der Schublade, wie das alles perfekt funktionieren könnte. Es wäre allerdings auch weitgehend wirkungslos, weil es bis zu einer möglichen Entscheidung so lange dem demokratischen Kompromisszwang ausgesetzt wäre, bis aus dem Sturm der notwendigen Veränderung inzwischen ein laues Lüftchen geworden wäre.

Diktaturen sind gefährlich, weil Macht den Menschen korrumpiert. Insofern ist der Wunsch, die Macht auf viele Schultern zu verteilen, verständlich und klug. Dummerweise bleibt nichts ohne Folgen: Während aus dem Diktator meist ein selbstherrlicher Despot wird, verlieren in der Demokratie die Einzelnen oft die Fähigkeit, selbst Verantwortung zu übernehmen. Vor lauter Angst, sich verantworten zu müssen, wird bis zur völligen Untätigkeit abgestimmt und selbständige Entscheidungen als "undemokratisch" gebrandmarkt. Unangenehme Entscheidungen werden ausgesessen, bis sich Probleme von selbst erledigen. Wer das für übertrieben hält, möge mal in aller Ruhe das Verhalten des eigenen Chefs beobachten...

Um die Problematik demokratischer Prozesse zu veranschaulichen: Zwei hinter einem Baumstamm versteckte Tier-Fotografen sind sich uneins darüber, ob links oder rechts am Baum vorbei das bessere Foto vom Hirsch geschossen werden könnte. Nach langer Diskussion entstehen unter dem Willen zum Kompromiss zwei Fotos von der Baumrinde. Das ist nicht weiter schlimm, denn während die beiden diskutiert haben, ist der Hirsch sowieso längst woanders. Beide Fotografen alleine hätten ein besseres Foto gemacht. Vielleicht hätten sogar beide parallel gute Fotos machen können, wenn sie sehr vorsichtig und leise aufeinander achtend den Hirsch nicht verscheucht hätten. Und später hätte man darüber entscheiden können, wessen Bild nun das bessere ist.

Politiker aller Couleur sind sich seit Jahrzehnten einig, dass eine große Steuerreform nötig wäre. Es gab auch diverse in sich schlüssige Konzepte, die aber nach langem Kompromiss-Ringen am Ende (wenn überhaupt) lediglich in verschlimmbessernde Paragraphen mündeten. Ja, es gehört Intelligenz, Empathie, Mut und Rückgrat dazu, auch mal einer anderen als der eigenen Meinung aus konstruktiven Gründen konsequent zuzuarbeiten. Aber genau diese Eigenschaften fordere ich von Chefs, Politikern und Freunden, sonst kann ich sie nicht wählen. Und nur solchen Menschen kann man sinnvollerweise gute Vorschläge machen.

Apropos Demokratie: Wieviele Schulen hätten wir besser ausstatten können mit dem Geld, das für den Druck und den Versand der Koalitionsverträge an 463.732 SPD-Mitglieder ausgegeben wird?



Gro-Ko - 9. Februar 2018

Nun haben sie sich also geeinigt. Nach vier Monaten heißer, naja lauwarmer Luft sind sie sich jetzt bei den wirklich wichtigen Themen (also der Posten-Verteilung) näher gekommen. Die Bewegungs-Lähmung, die inzwischen seit Jahrzehnten die Menschen von den Wahlkabinen fernhält oder ersatzweise zu merkwürdigen Partei-Simulationen treibt, soll also weitergehen. In Zeiten, in denen die größte politische Eruption das Gedankenspiel einer Bundes-Merkel in Jamaica darstellt, wünscht man sich den Einschlag eines Intelligenz-Asteroiden, begleitet von einem ausdauernden Rückgrat-Regen. Bevor nun wieder wie gewohnt jede gute Idee durch die Demokratie-Presse gedrückt wird, bis nur noch unbeweglicher Kompromiss-Matsch übrig ist, haben die SPD-Mitglieder nochmal die Chance, dem gewohnten politischen Tiefschlaf einen erweckenden Paukenschlag entgegen­zusetzen. Nicht dass sich dadurch wirklich etwas ändern würde, aber eine kleine renitente Kante im Windkanal-Dasein würde mir durchaus gefallen. Wie würdet Ihr eigentlich "Großes Kotzen" abkürzen?



Ich blogge, also bin ich - 20. Januar 2018

Einer konservativen oder gar reaktionären Haltung unverdächtig, habe ich mich trotzdem lange gegen Facebook gewehrt. Bis ich schließlich doch nachgegeben habe und mich inzwischen bisweilen bei dem Versuch erwische, andere Skeptiker vom Nutzen dieses Mediums zu überzeugen. Irgendwie fühle ich mich bei diesem Thema an einen Zettel an der Eingangstür des Kölner Mietshauses erinnert, in dem ich mal gewohnt habe: "Bei Nicht-Schließen der Tür bitte Tür schließen!" Was durchaus auch als dadaistischen Gedicht durchgehen würde, war sowohl ein Widerspruch in sich als auch eine nachvollziehbare Information. Seit Jahrzehnten halte ich die Fahne der Konsequenz hoch und erweise mich dann in solchen Themen als konsequent inkonsequent. Auch wenn ich (noch) nicht meine Toilettengänge dokumentiere und bisher mein Essen noch eher mit der Gabel als bei Facebook teile, arbeitet mein subversives Unterbewusstsein vielleicht schon an einem Drehbuch für ein Katzenvideo - süüüüüß...

Auf der Suche nach der eigenen Identität hatte ich in meiner Spätjugend zahlreiche philosophische und spirituelle Bücher verschlungen und mir als Lebensziel "Weisheit" verordnet. Ich sah mich wie Buddha selbst (figurtechnisch war das visionär) in völliger inneren Ruhe auf einem Felsen sitzen. Ich würde lächelnd schweigen und nur dann kluge Antworten geben, wenn mir von Ratsuchenden Fragen gestellt würden. Aber während die Weisheit ja schon per Definition nicht zu erreichen ist, erwies sich das Abwarten und lächelnd Schweigen für mich als ähnlich schwieriges Unterfangen. Niemand muss bei mir erstmal eine Frage stellen, um meine Meinung zu erfahren, dazu fehlt mir definitiv die buddhistische Gelassenheit. Folgerichtig ist mein Selbstbild vom Buddha zum Don Quichote mutiert. Ja, ich weiß, dass ich gegen Windmühlen kämpfe und nicht gewinnen kann - na und?!

Gefühlt taucht jedes Jahr ein neues Medium auf, das mir die Zeit stehlen will, weil gerade ich als Liedermacher mich ihm doch nicht verschließen kann. Ich twittere nicht (bis ich Präsident werde), ich bin nicht bei Instagram und Google+, und bisher habe ich auch nicht gebloggt. Tja, da war er wieder, der Bumerang hoch gehaltener Ideale. Wie ich prüfend in den Spiegel schaue, bevor ich aus dem Haus gehe, werde ich von nun an regelmäßig meine sprachlichen Ergüsse lesen (wenn es auch vielleicht sonst niemand tut) und notfalls noch eine Lip-Glosse auflegen...